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Grenzerfahrung – Tag 8: Die Küste, ein Holzkreuz und der Wunsch weiterzufahren

Autorenbild: Holger Brettschneider
Holger Brettschneider
21. Okt.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Okt.

Ich hatte richtig gut geschlafen. Komplett durch. Nachdem ich schon am Vortag eine Weile geschlafen hatte, war wohl klar: In den vergangenen Tagen hatte sich ein ordentliches Schlafdefizit angesammelt.

Nach einem Telefonat mit zu Hause, Frühstück und Packen stand ich um 8:45 Uhr am Hafen von Ditzum. Mein letzter Radtag begann auf einer Fähre. Die Sonne schien, das Wasser glitzerte, und das Wetter hätte für diesen Abschluss kaum schöner sein können.



Über die Ems und hinein in den letzten Radtag


Die Überfahrt nach Petkum dauerte für mich gut 15 Minuten und war sensationell. Vielleicht machte mir die Reise den Abschied absichtlich ein wenig schwer.

Denn inzwischen hatte sich alles eingespielt. Ich wusste, was in welche Tasche gehörte, was griffbereit bleiben musste und wie das Gepäck ans Rad kam. Handgriffe, über die ich am Anfang lange nachgedacht hatte, liefen nun fast von selbst.

Genau so hatte ich mir das vorgestellt. Und ausgerechnet jetzt sollte dieser Abschnitt zu Ende gehen.

Nach der Überfahrt fuhr ich durch Emden. Die Stadt war größer, als ich erwartet hatte. Anschließend folgte ich dem Nordseeküsten-Radweg durch die Krummhörn.


Kleine Orte, Deiche und die Nähe zur Nordsee bestimmten die Strecke.


Kuchen am Leuchtturm und Eis in Greetsiel


Gegen Mittag machte ich am Campener Leuchtturm Pause. Etwas Warmes und ein Stück Kuchen reichten. Nach Regen, Wind und grauen Wolken der vergangenen Tage genoss ich die Sonne besonders.

Später war ein Abschnitt am Deich gesperrt. Ich musste auf eine Alternativroute durch die Dörfer ausweichen. Dort begegneten mir riesige landwirtschaftliche Maschinen. Direkt neben einem Fahrrad wirken ihre Ausmaße noch beeindruckender. Wie viel Technik heute zur Landwirtschaft gehört, war hier kaum zu übersehen.

Über Pilsum ging es nach Greetsiel. Zeit für ein Eis und einen doppelten Espresso. Ich saß draußen in Hafennähe an einer Kaimauer und beobachtete das Treiben.

Dabei fiel mir auf, wie viele ältere Menschen unterwegs waren. Wobei: Menschen in meinem Alter und aufwärts. Das relativierte die Beobachtung natürlich etwas. Tauchte jemand Jüngeres auf, wirkte er beinahe versehentlich hier abgesetzt. Für einen Moment fühlte ich mich wie in einer ostfriesischen Ausgabe von „The Walking Dead“ – mit mir selbst als Teil der Besetzung.



Eine Begegnung am Straßenrand


Auf dem Weg Richtung Norddeich entdeckte ich einen kleinen Stand mit Holzarbeiten. Ich hielt an, schaute mich um und fand schnell etwas, das mir gefiel.

Eigentlich suchte ich aber noch ein kleines Holzkreuz. Mein altes war kaputtgegangen. Aus einem Schuppen hörte ich Arbeitsgeräusche. Ich ging hinein und fragte den Mann, der dort arbeitete, ob er eines habe.

Hatte er nicht. Er überlegte kurz und meinte, das sei eigentlich eine gute Idee. Dann mache er eben eins.

Ich durfte zusehen, wie mein neues Kreuz entstand. Dabei kamen wir ins Gespräch. Auch er war Radfahrer und hatte schon viele Touren gemacht. Wir erzählten vom Unterwegssein und von meiner Reise.

Zum Schluss befestigte er einen Draht daran, damit ich es am Fahrrad anbringen konnte. Dann schenkte er es mir. Es sollte mich auf meiner weiteren Umrundung beschützen.

Ich war zu Tränen gerührt.

Nach all den Kilometern, dem Regen und den kleinen Schwierigkeiten stand ich dort mit einem Geschenk von einem Menschen, den ich wenige Minuten zuvor noch nicht gekannt hatte. An diese Begegnung werde ich mich lange erinnern.


Noch einmal das Meer


Irgendwann musste ich weiter. Schließlich erreichte ich Norddeich und sah noch einmal das Meer. Eigentlich wäre das ein guter Ort gewesen, die Tour zu beenden. Ein paar Kilometer fehlten allerdings noch bis zum Hotel in Norden.

Gegen 16 Uhr kam ich an. Gleichzeitig trafen mehrere Radgruppen ein. Das Haus passte also gut zu meinem letzten Reisetag. Der Blick aus dem Zimmer war weniger romantisch: Einkaufszentrum statt Meer. McDonald’s, Aldi, Lidl und dm waren schnell zu erreichen. Immerhin war die Versorgung für den Abend damit einfach.

Um 19 Uhr war der Tag zu Ende. Morgen würde mich der Zug nach Hause bringen.


Wenn im Kopf wieder Platz entsteht


Beim Rückblick auf die acht Tage ging es mir nicht zuerst um die zurückgelegten Kilometer. Mich beschäftigte eher, was sich unterwegs verändert hatte.

Am Anfang hatten Organisation und Technik viel Raum eingenommen. Wo kommt was hin? Wie packe ich das Rad? Wo schlafe ich? Wie weit fahre ich? Mit jedem Tag wurden diese Dinge selbstverständlicher. Jedes Teil bekam seinen Platz, der Tagesablauf einen Rhythmus.

Dadurch wurde im Kopf wieder Platz. Während des Fahrens dachte ich über Menschen und Erlebnisse aus meiner Vergangenheit nach. Über Entscheidungen und Begegnungen, die bis heute nachwirkten. Genauso gingen meine Gedanken nach vorn: zu dem, was noch kommen könnte, und zu Menschen, die heute noch gar nicht geboren waren und irgendwann wichtig für mich sein würden.

Darauf freute ich mich.

Diese Freiheit im Kopf gefiel mir an der Reise. Ich trat in die Pedale, die Landschaft zog vorbei, und meine Gedanken durften ganz woanders unterwegs sein. Ausgerechnet jetzt, wo das so gut funktionierte, war dieser erste Abschnitt vorbei.


Norden fühlte sich für mich nicht wie das Ende an, sondern wie der Ort, an dem ich für dieses Mal aufhörte.





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