Grenzerfahrung – Tag 2: Gegenwind, Erinnerungen und Umwege
Aktualisiert: 28. Okt.
Um 1:15 Uhr weckte mich ein kräftiges Gewitter. Der Regen prasselte gegen das Fenster. Spätestens jetzt stand fest: Die Entscheidung gegen das Zelt und für ein festes Dach war richtig gewesen. Außerdem hatte ich gewaltigen Hunger. Also gab es mitten in der Nacht ein kleines, deutlich verfrühtes Frühstück. Ungewöhnlich, aber durchaus angenehm.
Der zweite Tag meiner Grenzerfahrung führte mich von Kaldenkirchen über die Maas und Venlo nach Emmerich. Es wurde ein langer Tag, an dem vertraute Orte schöne Erinnerungen weckten – und die Streckenplanung meine Geduld auf die Probe stellte.
Vertraute Wege und alte Erinnerungen
Am Morgen führte mich mein erster Weg in eine Bäckerei, in der Gabi und ich schon vor einigen Jahren gefrühstückt hatten. Es war schön, an diesen Ort zurückzukehren. Manchmal genügt ein Raum oder ein vertrauter Blick aus dem Fenster, und die Erinnerungen sind wieder da.
Wenig später fand ich mich auf einer unserer früheren Rennradstrecken wieder. Ich erreichte Baarlo und wusste: Venlo war nicht mehr weit. Hier waren wir damals auch mit Moni und Joachim sowie Bernd und Elke unterwegs gewesen. An manchen Stellen erinnerte ich mich sogar an einzelne Gespräche.
Nach gut neun Kilometern traf ich wieder auf die ursprünglich geplante Route. Sie führte zur Maas und anschließend am Fluss entlang in Richtung Venlo. Gegen 9:30 Uhr erreichte ich die Innenstadt.
Mit Venlo verbinde ich

auch Kindheitserinnerungen. Fahrten nach Holland, Butter und Zigaretten auf der Einkaufsliste, eine Grenze, die deutlich spürbarer war als heute. Schon der Ausflug ins Nachbarland hatte sich damals wie eine kleine Reise angefühlt. Jetzt war ich mit dem Fahrrad fast unbemerkt von einem Land ins andere gerollt.
Eine berechnete Route ist noch keine schöne Route
Gegen 10:15 Uhr hatte ich genug von der Streckenführung. Die mit ChatGPT geplante Route entsprach nicht dem, was ich mir vorgestellt hatte. Zwar fuhr ich meist auf Radwegen, doch die lagen fast ständig direkt neben Straßen. Das war zweckmäßig, aber auf Dauer eintönig.
Gerade in dieser Grenzregion hätte ich mir mehr kleine Straßen, Deichwege und ruhige Abschnitte gewünscht. Mir wurde klar, dass ich die Planung selbst genauer prüfen musste. Digitale Hilfen können Arbeit abnehmen. Ob eine Strecke zu meiner Vorstellung vom Reisen passt, muss ich trotzdem selbst beurteilen.
Gegen 11:45 Uhr begann es zu regnen. Kräftiger Gegenwind kam hinzu, und meine Stimmung erreichte ihren vorläufigen Tiefpunkt. Viel ließ sich daran nicht ändern: Regensachen anziehen und weiterfahren.
Ich dachte an die Reisevideos von Fritz Meinecke und Bastian Brutzer, an Dauerregen und Sturm. Das rückte meinen eigenen Ärger etwas zurecht. Leichter traten sich die Pedale dadurch allerdings nicht.
Ein festes Ziel und verschwundene Handschuhe
Bei Kilometer 65 gab es Kaffee und ein ordentliches Stück Kuchen. Die Kohlenhydratzufuhr stimmte, das Wetter leider nicht. Die nächsten dunklen Wolken zogen bereits heran.
Ich beschloss, die Route abzukürzen und direkt nach Emmerich zu fahren. Das Hotel war gebucht, noch rund 35 Kilometer lagen vor mir. Rückblickend hatte ich mich zu früh auf ein so weit entferntes Tagesziel festgelegt. Ein reserviertes Zimmer schafft Sicherheit. Gleichzeitig nimmt es einem die Möglichkeit, einfach früher Schluss zu machen.
Dass ich nun nicht mehr genau an der Grenze entlangfuhr, ärgerte mich. Der ausgelassene Abschnitt lag allerdings nicht weit von zu Hause entfernt. Den konnte ich später nachholen.
Nach etwa vier Kilometern fehlten plötzlich meine neuen Fahrradhandschuhe. Für meine noch nicht vollständig belastbare Hand waren sie besonders wichtig. Also fuhr ich bis zum Golfresort zurück und suchte. Vergeblich. Schließlich öffnete ich noch einmal die Ortlieb-Tasche.
Dort lagen sie.
Offenbar war an diesem Tag nicht nur das Wetter anstrengend. Auch meine Konzentration ließ nach.
Schlamm, Pommes und endlich ein Zimmer
Die neu geplante Strecke begann gut. Dann führte mich Komoot mit dem hinterlegten Gravelbike-Profil in ein Waldstück. Nach einer scharfen Abbiegung stand ich im tiefen Schlamm. Meine Schuhe versanken im Modder, während der Regen wieder stärker wurde.
Die berechnete Linie auf der Karte verrät eben nicht zuverlässig, wie ein Weg nach einem langen Regentag aussieht.

In Kleve legte ich deshalb noch eine Pause ein. Im „Haus des Döners“ gab es eine Cola sowie Gyros mit Pommes. Selbstverständlich lief auch das unter „notwendige Kohlenhydratzufuhr“.
Danach waren es nur noch wenige Kilometer bis Emmerich. Natürlich regnete es erneut, und das Hotel fand ich auch nicht auf Anhieb. Gegen 19 Uhr saß ich schließlich mit meinem gesamten Gerödel auf dem Zimmer. Kaffee trinken, nasse Sachen aufhängen und langsam zur Ruhe kommen. Bis etwa 21:30 Uhr hielt ich noch durch, dann fiel ich ins Bett.
Was von diesem Tag blieb

Es war kein leichter Tag gewesen. Die Erinnerungen an frühere Touren und vertraute Orte hatten mich aber für einiges entschädigt. Und bei der Planung war eine wichtige Erkenntnis hinzugekommen: Radwege und passende Kilometerzahlen allein machen noch keine gute Radreise aus.
Eine gute Route muss zur Landschaft, zum Fahrrad, zum Wetter und zu dem Menschen passen, der sie fährt.
Passender Reise-Exkurs


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